Chinara (11) "Bitte fragt mich nicht: 'Darf ich deine Haare anfassen?'"

"Black lives matter" - unter diesem Motto gehen gerade viele Menschen auf die Straße. Sie wollen der Benachteiligung von Schwarzen endlich ein Ende setzen. Aber wie ist es eigentlich, hier in Deutschland mit dunkler Hautfarbe aufzuwachsen? Wir haben bei Chinara (11) nachgefragt.

Chinara, seit dem Tod von George Floyd interessieren sich viele Kinder und Jugendliche für die Black-Lives-Matter-Bewegung. Tausende gehen auf die Straße. Ist für dich das Thema Rassismus nun auch wichtiger geworden?

Nein, mich beschäftigt das Thema Rassismus schon seit der zweiten Klasse. Denn da haben plötzlich manche Kinder Wörter benutzt, die ich davor noch nie gehört hatte. Ich habe  mich bei meinen Eltern und meinem Bruder erkundigt, was diese Wörter eigentlich heißen und warum man das sagt. Als ich herausgefunden habe, was die Geschichte hinter diesen Wörtern ist, war ich echt sauer und entsetzt.

Was für Wörter waren das?

„Nigger“ und zwei, drei andere. Ich konnte dann den Kindern sagen, dass sie aufhören sollen, mit dem Wort „Nigger“ um sich zu werfen, weil das eine echte Beleidigung ist. Viele dachten,  „Nigger“ heißt so etwas wie „Bro“, also etwas, was man unter Freunden öfter mal benutzt.

Ist dir in der Grundschule zum ersten Mal bewusst geworden, dass du eine andere Hautfarbe hast als die meisten anderen um dich herum?

Nein, im Kindergarten haben schon dumme Kinder zu mir gesagt, dass ich aussehe wie Kacka. Ich habe mich gefragt: „Was soll das? Ich habe zwar eine andere Hautfarbe, aber ich bin doch auch ein Mensch!“ Da ist mir klar geworden, dass mich andere Kinder anders sehen als sich selbst.

Bist du die Einzige mit dunkler Hautfarbe in deiner Klasse?

Ja, das ist mir eigentlich relativ egal. Aber manchmal hätte ich schon noch gerne eine andere Person, die so ist wie ich. Manchmal ist es wirklich blöd, die Einzige zu sein.

Warum?

Einmal ist ein neues Mädchen in unsere Klasse gekommen. Sie hat sich umgeschaut und gelacht. Dann hat sie mich gesehen, mir in die Augen geschaut und nicht mehr gelacht. Da wurde mir komisch. Ich war sehr enttäuscht und entsetzt, dass man mich nicht einfach so sieht wie die anderen.

Wird es leichter für dich, je älter du und die anderen Kinder werden?

Ja, in der weiterführenden Schule  ist es auf alle Fälle besser geworden. Manche Kinder hatten von Anfang an etwas Angst vor mir, weil ich 11 Jahre alt und schon 1,70 Meter groß bin. Außerdem habe ich vom ersten Tag an gezeigt, dass ich mir Rassismus nicht gefallen lasse.  Es gibt zwar immer noch ein paar Idioten, die denken, es wäre cool, mich zu beleidigen, aber das sind nur wenige. Inzwischen habe ich viele Freunde, die zu mir halten und sich immer für mich einsetzen. Das hilft mir sehr, dann fühle ich mich nicht so allein.

Hast du Tipps für andere Kinder und Jugendliche, die sich dir gegenüber richtig verhalten wollen? Was können sie vermeiden, um dir nicht unbeabsichtigt rassistisch zu begegnen?

Ich mag es nicht, wenn jemand sagt: „Die Schwarze da!“ Ich bin braun und nicht schwarz. Schwarz ist vielleicht mein T-Shirt, aber nicht meine Hautfarbe. Sie sollen mich einfach bei meinem Namen nennen: Chinara. Und es nervt mich etwas, wenn ich immer gefragt werde: „Aus welchem Land kommst du eigentlich?“ Ach ja, und bitte fragt mich nicht: „Darf ich deine Haare anfassen?“

Schaust du zuversichtlich in deine Zukunft?

Ja, ich habe keine Angst vor der Zukunft. Ich glaube, dass ich hier trotz meiner Hautfarbe alle Möglichkeiten habe.

Was machst du in zehn Jahren?

Ich wollte schon immer Rechtsanwältin werden. Also möchte ich einmal Jura studieren.


Chinara steht bei den Juniorinnen des TSV Bernhausen im Tor. „In der Mannschaft sind alle gleich“, sagt sie. Hier (klick) haben wir sie und die anderen Fußballerinnen schon einmal interviewt.