Ein Fall für Paul Stau auf der Datenautobahn

Fynn (10) fragt: „Warum springt die S-­Bahn-­Anzeige von drei Minuten direkt auf die Anzeige der kommenden Bahn? Warum wird die Wartezeit von zwei Minuten und einer Minute nicht angezeigt?“

Lieber Fynn,

um deine Frage zu beantworten, habe ich mir Hilfe geholt: Nikolaus Hebding ist der Chef von 93 S­Bahnhöfen in Stuttgart und Umgebung. „Im Anzeigenzentrum in Stuttgart sitzen vier Mitarbeiter, die alle Anzeigen überwachen“, erklärt Hebding. Mit Kameras können sie sogar auf die Bahnsteige schauen. Sie bearbeiten den Text auf den Bildschirmen, zum Beispiel bei einem Gleiswechsel oder Zugausfall, und steuern die Ansagen am Bahnsteig. Die Ankunftszeiten werden aber automatisch angezeigt. Um zu verstehen, wie das funktioniert, müssen wir uns zuerst anschauen, wer den Schienenverkehr organisiert. Die S-­Bahnen in der Region Stuttgart fahren im Minutentakt, dazu kommen noch die zahlreichen Nah­-, Fern-­ und Güterzüge. „Es ist ziemlich kompliziert, da den Überblick zu behalten,“ sagt Hebding. Die Fahrdienstleiter in den Stellwerken schauen deshalb die ganze Zeit auf große Bildschirme. Dort sehen sie, welcher Zug sich gerade wo befindet. Sie überwachen die Strecken, steuern die Signale und stellen die Weichen. Sie passen also auch auf, dass niemals zwei Züge gleichzeitig auf einer Strecke fahren. In unserer Bildergalerie siehtst du einen Ausschnitt aus einem solchen Plan (3. Bild).
Die rote Nummer steht für eine S-­Bahn. Die kleinen Dreiecke zeigen die Richtung an. Jedes Dreieck steht gleichzeitig auch für ein Signal an der Strecke, also so etwas wie eine Ampel für Züge. Die Fahrdienstleiter geben nie den ganzen Weg auf einmal frei, sondern
immer nur einzelne Abschnitte. Auf dem Plan sind gerade zwei S­-Bahnen in Freiberg. Grün bedeutet, diese Streckenabschnitte sind freigegeben. Dann leuchten auch die Signale grün. Manche Signale sind gleichzeitig Messpunkte. „Sie wissen genau, wann eine Bahn an ihnen vorbeifahren soll“, erklärt Hebding. Immer wenn eine Bahn einen Messpunkt passiert, wird die Uhrzeit automatisch mit dem gespeicherten Fahrplan abgeglichen. Dann rechnet das System die noch verbleibende Zeit bis zur Ankunft am Bahnhof aus, und diese wird dann automatisch angezeigt. Wenn eine Bahn an einem bestimmten Signal vor dem Bahnhof vorbeifährt, schaltet die Anzeige in den Einzelzugmodus, zeigt also nur noch diese Bahn an. Der Fahrdienstleiter hat die Einfahrt in den Bahnhof freigegeben. „Man sagt, die S­-Bahn befindet sich auf der Einfahrtszugstraße“, so Hebding. Ab diesem letzten Signal vor dem Bahnhof sollte die Anzeige am Bahnsteig eigentlich auf null Minuten runterzählen. Aber, wie du gut beobachtet hast, manchmal springt sie gleich auf null. „Das sollte nicht passieren“, sagt Hebding. Aber es kommt immer wieder vor: „Das System muss sehr viele Daten auf einmal verarbeiten. Manchmal kommt es einfach nicht hinterher. Dann herrscht sozusagen Stau auf der Datenautobahn.“ Du kannst aber sicher sein: Wenn die Anzeige nur noch eine einzelne Bahn anzeigt, kommt diese auf jeden Fall bald.