Joja Wendt „Ich habe geschwänzt, um Klavier zu spielen“

Joja Wendt gehört zu den bekanntesten Pianisten Deutschlands und das Klavier zu den beliebtesten Musikinstrumenten. Die Kinderreporter Jonas (8) und Tobias (12) haben sich Tipps vom Profi geholt.

Tobias: Sie geben Klavierkonzerte weltweit. Unterscheidet sich das Publikum von Land zu Land?
Joja Wendt: Wo auch immer auf der Welt ich spiele, das Publikum ist überall anders. In Deutschland gibt es eine Konzerttradition, darum gehen hier eher ältere Leute in  ein Klavierkonzert.
Tobias: Das merke ich auch. Wenn ich mit meinen Eltern ins Konzert gehe, haben die meisten Besucher graue Haare.
Joja Wendt: Stimmt. In den USA sind die Leute dagegen eher mittleren Alters, dort wollen sie gut unterhalten werden. Amerika ist sozusagen das Zentrum der Show –  es gibt viele Fernsehshows, Bühnenshows und so weiter. In China kommen dagegen junge Leute, weil ihre Eltern das wollen. Forscher haben festgestellt, dass es gut für die Entwicklung des Gehirns ist, wenn man Klavier spielt. Deswegen sagen die Eltern „ihr müsst Klavier spielen“ und schicken ihre Kinder auch ins Konzert.

Jonas: In China spielen Sie also Konzerte, um das Klavierspielen weiterzugeben?
Joja Wendt: Das ist bei Musik ja immer so. Ich versuche den Leuten zu zeigen, welche großartigen Möglichkeiten im Klavier stecken. Dieses Instrument versteht man sehr schnell, es ist wie eine perfekt programmierte App. Man muss nur die Tasten runterdrücken, schon kommt ein Ton. Wenn ich fest runterdrücke, dann ist der Ton . . .
Tobias: ... lauter.
Joja Wendt: Und wenn ich nicht so fest drücke ist er ...
Jonas: ... leiser.
Joja Wendt: Genau, das begreift man schnell. Dann hast du noch den riesigen Vorteil, dass du einen Rhythmus machen kannst. Rhythmus wird immer wichtiger! Früher war das nicht so. Da hatte man ein Orchester, mit Streichern und so weiter. Dann gab es plötzlich Jazz und Rockmusik und heute auch noch Hip-Hop und Rap. Mit dem  Klavier kannst du all diese Musikrichtungen nachmachen. Außerdem kannst du Melodien, Harmonien und Begleitung spielen und sogar mehrere Stimmen. Vor dir steht ein ganzes Orchester. Deswegen ist das Klavier so ein irre gutes Instrument.

Tobias: Spielen Sie lieber mit Noten oder ohne?
Joja Wendt: Lieber ohne. Ich habe gelernt, mich zu retten, wenn ich etwas vergesse oder etwas anderes schiefgeht. Das habe ich schon mit meinem Klavierlehrer geübt. Ich habe gespielt, und auf einmal hat er meine Hände genommen. Dann hat er losgelassen und gesagt: Jetzt spiel weiter. Das kann richtig schwer sein – aber das Üben hat geholfen.

Jonas: Ich habe gelesen, dass Sie nicht bei Ihrer Abiturfeier waren, weil Sie üben wollten.
Joja Wendt: Ich war an einem Stück dran, das ich unbedingt können wollte. Ich dachte, wenn ich das jetzt nicht lerne, dann lerne ich das nie mehr. Und dann habe ich leider die Abifeier verpasst. Das Klavierspielen war mir in dem Moment einfach wichtiger. Es gab eine Zeit, in der ich ganz auf das Klavier konzentriert war. Alles andere habe ich ausgeblendet. Da habe ich sogar mal die Schule geschwänzt und war stattdessen im Musikraum.

Jonas: Gab es da keinen Ärger?
Joja Wendt: Ich hatte Glück – das war eine sehr musikalische Schule. Die Musiklehrerin hat mir sogar nachts den Raum zum Üben aufgeschlossen. Ich habe acht Geschwister. Wenn ich nachts zu Hause gespielt hätte, hätte ja keiner schlafen können. Am nächsten Tag war ich in der Schule total müde. Die Lehrer haben aber gemerkt: Der brennt gerade für etwas. Und weil ich nicht schlecht in der Schule war, haben sie mir das durchgehen lassen.


Der Pianist und Komponist Joja Wendt heißt eigentlich Carl Johan Wendt. Joja ist kein Künstlername, sondern sein Spitzname. Weil er als Kind seinen eigenen Namen nicht aussprechen konnte, nannte er sich selbst Joja – und auch seine Familie, Freunde und Lehrer nannten ihn so. Joja Wendt wurde 1964 in Hamburg geboren und ist das drittjüngste von neun Geschwistern. Als Vierjähriger begann er mit dem Klavierspielen, weil er seine ältere Schwester dabei bewunderte. Der Jazzmusiker spielt weltweit Konzerte. Am 19. Februar 2019 tritt er im Theaterhaus Stuttgart auf. Auf dem Klavier spielt er dann nicht nur Werke von alten Komponisten, sondern auch von Ed Sheeran und Avicii.